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Hans Stoffel (hinten) mit Hirtenbub Nino Tonoli 1955 auf der Plonca dira Hans Stoffel (hinten) mit Hirtenbub Nino Tonoli 1955 auf der Plonca dira

Kühe in VadresKühe in Vadres

Biografie von Hans Stoffel, langjähriger Schaf- und Ziegenhirt in Trin

 

Hans Stoffel wurde am 05. September 1894 in der Campagna Gemeinde Bonaduz geboren.

Seine Jugend verbrachte er in Domat/Ems.

Sein Onkel Fiedel war Hirte im Dorf und in den Emser Alpen. Hans musste schon in seiner Jugend Fiedel beim Hüten helfen und wurde so mit Tieren vertraut.

Ein anderer Onkel „Johann Urban“ wollte Mönch werden. Leider fehlte aber das nötige Geld!

Hans konnte es mit diesem Onkel gut und so wurde Hans schon in jungen Jahren mit Glauben und Naturwissenschaften vertraut. Leider starb Urban schon in jungen Jahren an TB. Die Mönche in Disentis waren gar nicht so „christlich“ und holten bis auf ein paar „unauffindbare“ Bücher alles ab. (Vermutlich hatte das Kloster diese auch finanziert). So konnte Hans auch nur vom „Hören sagen“ erzählen.

Während den grossen Sommerferien musste Hans seinem Onkel Fiedel helfen. Lieber wäre Hans, wie damals viele Emser Kinder, ins Schwabenland gezogen. Die Buben und Mädchen wurden im Frühjahr eingezogen; von ein paar Leuten ins Schwabenland gebracht. Im Herbst wurden die Jungen wieder nach Ems zurückgeführt. Der Lohn war ein Anzug; ein paar Schuhe und ein Schwabenhut. Dieser war sehr begehrt und Hans konnte nicht verstehen, warum er keinen besass!

Nach Beendigung der Schule wurde Hans in Fidaz Ziegenhirt. Einige Sommer war er auch Rinderhirt auf dem Flimserstein.

Den ersten Weltkrieg musste Hans mitmachen. So sah er als junger Mann die Welt „Graubünden“.

1921 übernahm Hans die Stelle als Ziegenhirt in Trin. Damals eine nicht einfache Stelle. Etwa 150 - 200 Ziegen waren zu betreuen. Jeden Tag, auch am Sonntag, mussten die Ziegen spätestens um 06:00 Uhr das Dorf verlassen haben. Heimkehren durften sie nicht vor 19:00 Uhr.

Fussmärsche von Trin nach Culm da Sterls waren üblich. Nur alle drei Wochen durfte eine etwas kleinere Tour nach Alp Mora gemacht werden.

1925 heiratete Hans seine deutsche Freundin Maria Schürer, welche in Arosa arbeitete. Kennengelernt hatte Hans seine Braut in Arosa. Dort arbeitete Hans während den Wintermonaten als Schneeschaufler und Eisreiniger.

 

Mit Musik war Hans sehr befreundet. In den zwanziger und dreissiger Jahren spielte er als „Handörgeler“ in der damals berühmten Kapelle

„Seppli Musik“. Hans war auch der erste Handörgeler, welcher mit einem „Schwyzer Örgeli“ in einer Kapelle spielte.

Musik wurde nur im Winter gemacht. Fussmärsche von Thusis nach Avers Juf etc. waren üblich. Gespielt wurde vom Samstagmittag bis Sonntagabend, dies fast ohne Unterbruch. Der Gehalt war Fr. 30.00- inkl. Verpflegung. Ende der 30.Jahre fiel diese Kapelle auseinander. Die jungen „Sepplis“ hatten ein Musikgehör wie ein „Bernhardiner“. Versucht haben diese Jungen es später nochmals. Es hat aber auch dann nicht geklappt.

Der Familie Stoffel wurden vier Kinder geschenkt. Johann starb kurz nach der Geburt infolge Unfalls seiner Mutter. Sie war auf dem Eis ausgerutscht und das Kind verstarb. Paula 1929, Erika 1932 und Bernhard 1939 waren die weiteren Kinder.

Ende der 30er Jahre hörte Hans mit dem Ziegenhüten auf und übernahm die Stelle als Schafhirt.

Im Frühjahr und Herbst hütete Hans aber immer noch die Ziegen und diese zusammen mit den Schafen.

Seine Arbeit als Schafhirt war anstrengend. Trins hatte damals etwa 600 Schafe. Im Frühjahr wurden die verschiedenen Allmeiden abgeweidet.

Von morgens 06:00 bis 19:00 Uhr war ein langer Tag. Im Frühjahr kamen die Tiere jeden Tag heim. Sobald aber das Wetter und das Futter es zuliessen, wurde eingepfercht auf dem Feld übernachtet. Die Gatter für die Pferche mussten alle 2 Tage versetzt werden und so wurden die Allmeiden gedüngt. Hans kam in dieser Zeit zum Übernachten jeweils nach Hause.

Im Juni ging es bis anfangs Oktober auf die Alpen. Mit der Alp Mora fing es an. Im Juli zog man nach Plonca dira, dann nach etwa 14 Tagen wieder zurück auf Alp Mora. Ende August wurde wieder nach Plonca dira „gezügelt“. Anschliessend nach Culm da Lavadinas; Surcruns und Raschaglius.

Ende September ging es wieder zurück auf die Alp Mora. Dort blieb man bis etwa am 10. Oktober. Von dort ging es schliesslich nach Trin. Diese Alpzeit war schön. Wenn aber das Wetter umschlug und Schnee und Nebel kamen, war es alles andere als schön! Von wegen „schöne Älplerzeit“. Solche Wetterumstürze waren keine Seltenheit. Mitte der 50er Jahre gab es während eines Sommers 31 Mal Schnee!

Seine Familie nahm Hans soweit als möglich mit auf die Alp. Sobald die Kinder aber alt genug waren, mussten diese eine Sommerstelle antreten. Einzig Bernhard konnte als jüngstes Kind immer dabei sein.

Um die Sommerzeit auszufüllen und etwas Geld dazu zu verdienen wurden Silbermäntel gesammelt und an die Firma Künzli verkauft. In den 30er, 40er und bis Mitte der 50er Jahre hatte es bis zu 20 Kräutersammler auf der Alp Mora.

1957 hörte Hans mit dem Hüten der Schafe auf und übernahm wieder die Stelle als Ziegenhirt. Um diese Zeit hatte es in Trin noch etwa 70 - 80 Ziegen. Im Herbst und im Frühjahr hütete Hans nebenbei auch noch die Schafe.

Die Touren waren jetzt etwas kleiner und die Arbeitszeiten auch kürzer als vor 20 Jahren. Sechs bis acht Stunden Marsch waren aber nach wie vor an der Tagesordnung.

Mitte der 60er Jahre hörte Hans mit dem „Hüten“ ganz auf.

Es hatte zu wenig Ziegen und so rentierte das Hüten nicht mehr. Der Hütelohn wäre auch zu hoch geworden. 1968 übernahm Hans für kurze Zeit eine Sömmerung mit Schafen für Herrn Scham aus Fidaz. Hans war aber dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen und musste mitten im Sommer aufhören.

Am 21. August 1969 starb Hans im Kantonsspital in Chur. Ein kurzer Aufenthalt im Spital war nötig. Weil er nie krank gewesen war, konnte Hans dies aber nicht verkraften. So verliess er uns sehr schnell.

 

 

Als Hirt kam Hans auch mit den Tieren und deren Leiden in Kontakt. Einfache „Krankheiten“ wie Beinbrüche, Umlauf, Räude, sowie Geburten konnte Hans bestens ausführen. Einen Tierarzt brauchte man nicht. Den meisten Bauern fehlte aber auch das Geld für einen Tierarzt. Mit einer Wurst, einem Bier oder einem Schluck Schnaps war Hans zufrieden. In der Zwischensaison betätigte Hans sich auch als Metzger und Kleintierhändler. So kam er mit vielen Leuten in Kontakt.

Da es beim Hüten aber auch ruhigere Zeiten gab, hatte Hans viel Zeit zum Lesen und Leute studieren. Viele kamen auch um mit Hans zu plaudern. So erfuhr er sehr viel und selbst der Pfarrer meinte, Hans sei mit dem Teufel in Kontakt. Auch Geschichten konnte Hans gut erzählen. Die Trinser Jugend lief Hans nach und konnten nicht genug erfahren. Manchen standen die Haare zu Berg, wenn vom „Ji schmöcka Menschabluat“ etc. erzählt wurde. Einige dieser Geschichten, die mir in Erinnerung geblieben sind, versuche ich, soweit als möglich, zu erzählen. So gut wie Hans kann ich es aber bestimmt nicht.

 

                                                                                         Trin, im Januar 1980

                                                                                         Bernhard Stoffel